Häusliche Gewalt erkennen durch Zahnärzte

Handlungsempfehlung und Materialien für die Zahnarztpraxis

Gewalt ist eine Herausforderung für die Gesundheitsversorgung, der sich die Hessische Landesregierung in enger Kooperation mit dem Gesundheitswesen stellt. In Hessen gelingt es zunehmend, neben der Behandlung der Verletzungsfolgen auch den sensiblen Umgang mit betroffenen Patientinnen und Patienten zu erreichen: durch Erkennen und Ansprechen, eine gerichtsverwertbare Dokumentation, Klärung des Schutzbedarfs und Weiterleitung an spezialisierte Hilfsorganisationen. So entwickelt sich eine bewusstere und sensibilisierte medizinische Praxis. Zudem wächst auch die Bereitschaft der Krankenhäuser und niedergelassenen Praxen zur Kooperation mit Hilfsorganisationen vor Ort.

Das Hessische Ministerium für Soziales und Integration hat bereits vier Anleitungen zur gerichtsverwertbaren Dokumentation von Verletzungsfolgen nach Gewalt für verschiedene medizinische Fachrichtungen in Leitlinienqualität veröffentlicht (siehe Gewaltprävention im Gesundheitswesen im Familienatlas). Zu den Anleitungen zur ärztlichen Dokumentation bei Partnergewalt, bei Verdacht auf sexualisierte Gewalt und bei Kindesmissbrauch und -vernachlässigung kam 2010 der hessische zahnärztliche Dokumentationsbogen zur Erfassung interpersoneller Gewalt, insbesondere Partnergewalt, hinzu. Dazu gehören die praktische Dent-Doc-Card mit kurzen Formulierungshilfen im Kitteltaschenformat und weiteres Begleitmaterial die durch eine Testphase wissenschaftlich validiert wurden.

Häusliche Gewalt und Gewalt in der Familie: Erkennen, Ansprechen und Dokumentieren in der Zahnarztpraxis

Die zahnärztliche Praxis kann am ehesten die erste Anlaufstelle für Gewaltbetroffene sein, weil Schäden im Kiefer- und Zahnbereich nicht unbehandelt ausheilen. Hier sind Zahnärztinnen und Zahnärzte gefordert, sensibel die Patientinnen und Patienten anzusprechen und sie zu ermutigen, das Recht auf Schutz wahrzunehmen. Ein besonderes Augenmerk sollte auf betroffene Frauen gelegt werden, da die Ergebnisse der Pilotstudie in der Notfallambulanz der Uniklinik Frankfurt einen knapp 20%igen Anteil von Frauen aufweist, die sich dort mit durch Gewalt bedingten Verletzungsfolgen in die Behandlung begeben haben.

Die hessischen Dokumentationsanleitungen sind praxistauglich. Sowohl Strafverfolgungsbehörden als auch die Anwaltschaft, die die Gewaltopfer in zivilgerichtlichen Verfahren vertritt und z.B. Schutzanordnungen nach dem Gewaltschutzgesetz beantragt, stellen fest, dass ärztliche Attests, die nach den hessischen Anleitungen durchgeführt und in Gerichtsverfahren eingeführt werden, zum Erfolg dieser Verfahren beitragen. Dieses ist ein positives Ergebnis, das für Gewaltopfer nachhaltig spürbar ist, weil es Rechtsfolgen nach erlittener Misshandlung zeitigt.