Startseite » Familie & Soziales » Senioren » Seniorenpolitische Initiative » Kunstführung für Menschen mit Demenz in den Opelvillen Rüsselsheim
Kunst und Demenz

Kunstführung für Menschen mit Demenz in den Opelvillen Rüsselsheim

kunst_und_demenz.jpg

Kunst und Demenz
© FeuilletonFrankfurt

Kunst und Kultur haben eine herausragende Bedeutung für die Gesellschaft und für den einzelnen Menschen. Sie spiegeln gesellschaftliche Debatten wider, sie bieten Reibungsflächen zur Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, sie weisen über das alltägliche Geschehen hinaus. Kunst und Kultur sind Ausdruck des menschlichen Daseins.

Kunst zu erleben ist eine Form der kulturellen Teilhabe und der sozialen Kommunikation. Sie bietet allen Menschen Gelegenheit für individuelle und kollektive Erfahrungen, die an deren spezifischen Potentialen anknüpfen. Das gilt auch für ältere und kranke Menschen und auch für Menschen mit Demenz. Der Besuch von Museen und Ausstellungen, von Theateraufführungen und  Konzerten trägt dazu bei, die Teilhabe alterserkrankter Menschen im gesellschaftlichen Leben zu erhalten und zur Verbesserung ihrer Lebensqualität, Handlungskompetenz und sozialen Integration und damit zur Vermeidung von Isolation und Vereinsamung beizutragen.

Wenn man sich auf sein Gedächtnis nicht mehr verlassen kann, zählt nur noch die Gegenwart. Ausstellungsbesuche beispielsweise können Demenzkranken helfen, Erinnerungen abzurufen, auch wenn es nur für einen kurzen Moment ist.  Die Begegnung mit Farben und Formen wirkt belebend, sie berühren  unmittelbar, wecken Emotionen und regen die Sinne an. Menschen mit Demenz haben auch mit ihrer Erkrankung Interessen, Wünsche und Ressourcen. Sie besitzen oftmals eine emotionale und schöpferische Kraft, die im Kontakt mit Kunst aktiviert werden kann.  Der Besuch einer Kunstausstellung bietet Menschen mit Demenz und ihren Begleitern zudem eine kleine Auszeit im Alltag. 

Und Demenz geht inzwischen jeden an. Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des eigenen Lebens selbst an Demenz zu erkranken, andere demenziell veränderte Menschen zu kennen oder kennen zu lernen, nimmt in unserer alternden Gesellschaft zu.

Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Alzheimer’s Disease International zufolge gab es 2010 weltweit etwa 35,6 Millionen Menschen, die an einer Demenz erkrankt waren. Deutschland liegt mit 1,4 Millionen Demenzerkrankten im weltweiten Vergleich auf Platz fünf. Lediglich in China, den USA, Indien und Japan gibt es mehr Betroffene (Deutsche Alzheimer Gesellschaft 2012). Jährlich kommen fast 300.000 Neuerkrankungen dazu und aufgrund des demografischen Wandels nimmt die Zahl der Demenzkranken kontinuierlich zu, sodass Vorausberechnungen davon ausgehen, dass sich die Zahl der an Demenz leidenden Menschen allein in Deutschland im Jahr 2050 auf etwa 3 Millionen erhöhen wird (DZA 2011).

Das Land Hessen fördert im Rahmen der Seniorenpolitischen Initiative unterschiedliche  Demenzprojekte wie beispielsweise die Stiftung Opelvillen. So boten die Opelvillen im Jahr 2013 mit dem Projekt „Nur der Augenblick zählt – Kunstführung für Menschen mit Demenz“ Betroffenen, ihren Familienangehörigen und Betreuern im Rahmen einer laufenden Ausstellung von Noa Eshkol die Möglichkeit, die Exponate der israelischen Künstlerin kennen zu lernen und zu erleben. Die Stiftung verfolgte durch eigens für diese Besucher organisierte Führungen den Ansatz, den Demenz-Besuchern mehr Zeit widmen und sie behutsam an die neue Umgebung gewöhnen zu können. Die Demenzerkrankten und ihre Begleitungen wurden mit Kaffee oder Tee und Gebäck auf die Führung im Gespräch vorbereitet, so dass Zeit zur Eingewöhnung und Sicherheit durch Vertrauenspersonen gegeben war. In möglichst kurzen Sätzen wurde über die Kunstwerke und die Künstlerin gesprochen und versucht, die Teilnehmer in ein gemeinsames Gespräch zu ziehen. Die Führungen der Opelvillen stellen nach eigenen Worten „keine Therapie dar. Ziel ist es vielmehr, diesen Menschen ein Stück Lebensqualität, die den Augenblick verschönert, zu verschaffen. Ein Museumsbesuch stellt eine Abwechslung im Alltag dar und bietet einen geschützten Rahmen für Betroffene und deren Angehörige.“ Die Ausstellung zeigte Wandteppiche der israelischen Künstlerin Noa Eshkol (1924-2007), die anhand von Stoffresten vielfarbige und ausdrucksstarke Kompositionen schuf. Die Stiftung hat in ihrem Pilotprojekt auf eindrucksvolle Weise gezeigt, dass sich „die sowohl gegenstandslosen als auch gegenständlichen Variationen aufgrund ihrer Narration auf besondere Weise für eine assoziationsreiche Führung eignen. Eshkol hat über Jahrzehnte ihre Stoffcollagen geschaffen, die unterschiedliche Muster vergangener Zeiten tragen. Die Stoffe wecken Assoziationen an Sommerkleid, Festgewand, aber auch an Militär und Kriege. Ein weiteres Spektrum, das eine Fülle an Erinnerungen wecken kann und auf ganz besondere Weise Besucher mit Demenz zur Kommunikation anregt.“

Das Projekt der Opelvillen wurde von der Hessischen Landesregierung mit 2.500 € gefördert.  Neben der kulturellen und sozialen Teilhabe demenziell erkrankter Menschen wurde als besonders positiv erachtet, dass mit dem Projekt zugleich auch öffentliche Räume - wie hier die Opelvillen Rüsselsheim - für Menschen mit Demenz geöffnet und ihnen zugänglich gemacht werden. Die Kunstführungen in den Opelvillen sind daher Vorbild für andere öffentliche Einrichtungen wie beispielsweise Museen, denn die Nachfrage vor allem aus Seniorenheimen ist groß.

Im Juli 2015  plante die Stiftung  ein Mittsommerfest im Rahmen der Ausstellung des Fotografen Jörn Vanhöfen „Beyond Eden“ für an Demenz Erkrankte und junge Menschen. Junge Menschen und dementiell Erkrankte arbeiten zusammen an verschiedenen Kunststationen, gemeinsam mit geschultem Personal. Zudem führen junge Menschen durch die Ausstellung. Die Begegnung soll nachhaltig auf die Aktualität der Erkrankung aufmerksam machen, Berührungsängste abbauen und öffentliche Räume für Demenzkranke zugänglich machen. Das Projekt der Opelvillen wurde von der Hessischen Landesregierung mit 2.405 € gefördert.