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Landtag Wiesbaden

Ausstellung zur Aufarbeitung der Opfer des ehemaligen §175 StGB in Hessen eröffnet

Ausstellung zur Aufarbeitung der Opfer des ehemaligen §175 StGB in Hessen eröffnet Staatssekretär Kai Klose: „Mit dieser Ausstellung leistet die Hessische Landesregierung einen wichtigen Beitrag gegen das Vergessen und Verschweigen“

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Staatssekretär Kai Klose eröffnet die Ausstellung zur Aufarbeitung der Opfer des ehemaligen §175 StGB im Landtag Wiesbaden
Staatssekretär Kai Klose eröffnet die Ausstellung zur Aufarbeitung der Opfer des ehemaligen §175 StGB im Landtag Wiesbaden
© HMSI

Wiesbaden. Der Präsident des Hessischen Landtags, Norbert Kartmann, die Hessische Justizministerin, Eva Kühne-Hörmann, der Bevollmächtigte der Landesregierung für Integration und Antidiskriminierung, Staatssekretär Kai Klose, und Dr. Birgit Bosold, Mitglied im Vorstand des Schwulen Museum* Berlin, eröffneten heute die Ausstellung „Unverschämt. Lesbische Frauen und schwule Männer in Hessen von 1945 bis 1985“. Auf Text- und Bildtafeln sowie zahlreichen Dokumenten präsentiert die Ausstellung die Ergebnisse des Forschungsprojekts „Aufarbeitung der Schicksale der Opfer des ehemaligen § 175 StGB in Hessen“, das im Auftrag des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration durch das Schwule Museum* Berlin durchgeführt wurde.

„Die Ausstellung zur Aufarbeitung der Opfer des § 175, nach dem homosexuelle Handlungen unter Strafe gestellt wurden, leistet einen wichtigen Beitrag zur Erinnerung an die Opfer und deren Rehabilitation“, sagte Landtagspräsident Kartmann bei der Ausstellungseröffnung. Es sei ebenso wichtig, die Ausstellung im Hessischen Landtag zu präsentieren, wo alle Fraktionen gemeinsam beschlossen hatten, eine Ausstellung zur Aufarbeitung der Strafverfolgung Homosexueller nach 1945 zu initiieren.“

„Es ist wichtig, dass es endlich eine öffentliche Rehabilitierung von nach § 175 StGB verurteilten homosexuellen Männern und gesellschaftlich geächteten lesbischen Frauen gibt“, erklärte die Hessische Ministerin der Justiz, Eva Kühne-Hörmann. „Denn hier ist der Rechtsstaat in seinem Kern betroffen: als Garant individueller Freiheit. Dass wir heute dieses Unrecht der frühen Bundesrepublik als solches klar benennen, schwächt den Rechtsstaat keineswegs. Vielmehr ist es gerade die große Stärke unseres demokratischen Rechtsstaates, dass er lernfähig ist. Mit dieser gelungenen Ausstellung tragen wir als Landesregierung dazu bei, dass die Schicksale der strafrechtlich verfolgten Männer und geächteten Frauen auch zukünftig nicht verschwiegen und niemals wieder vergessen werden“, so Kühne-Hörmann.

Gegen das Vergessen und verschweigen

„Mit dieser Ausstellung und der zugehörigen Broschüre leistet die Hessische Landesregierung einen wichtigen Beitrag gegen das Vergessen und Verschweigen einer ganzen Opfergruppe. Die staatliche Repression von Lesben und Schwulen hat gesellschaftliche Haltungen negativ geprägt, Lebenswege zerstört und auch in Hessen viel individuelles Leid verursacht“, betonte Staatssekretär Klose anlässlich der Ausstellungseröffnung. „Mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung dieses bislang viel zu wenig beachteten Teils der hessischen Nachkriegsgeschichte lösen wir auch ein Versprechen ein, das wir im Regierungsprogramm gegeben haben“, ergänzte Klose.

Wisssenschaftliche Aufarbeitung

Klose verwies darauf, dass der Hessische Landtag am 12. September 2012 mit den Stimmen aller Fraktionen beschlossen habe, sich bei den Opfern des §175 zu entschuldigen. „Um Licht in das Dunkel der Verfolgung und Diskriminierung schwuler Männer und lesbischer Frauen in Hessen nach 1945 zu bringen und ihre Schicksale sichtbar zu machen, wurde die Landesregierung gebeten, eine Dokumentation und eine begleitende Ausstellung zu initiieren und zu unterstützen“, erklärte der Staatssekretär. Das Schwule Museum* Berlin (SMU*) als bundesweit anerkannte Institution wurde vom Ministerium für Soziales und Integration mit dieser wissenschaftlichen Aufarbeitung beauftragt. Als Forschende konnte das SMU* zwei im Themenfeld erfahrene Projektmitarbeitende gewinnen, die Historikerin Dr. Kirsten Plötz und den Historiker Marcus Velke. „Wir freuen uns sehr, heute ein erstes Ergebnis dieser Zusammenarbeit im Hessischen Landtag, der den Anstoß für das Projekt gegeben hat, präsentieren zu können“, so Klose.

Frau Dr. Birgit Bosold betonte als Vertreterin des SMU*: „In der Geschichtsschreibung geht es nie nur um die Vergangenheit, es geht immer auch um die Gegenwart. Es geht darum, lesbischen Frauen und schwulen Männern, denen von Seiten eines sich demokratisch nennenden Gemeinwesens basale Menschenrechte vorenthalten wurden, ihre ‚historical citizenship‘ – ihre Bürgerrechte in unserem kollektiven Gedächtnis zurückzugeben. Und diese sind nach wie vor umstritten. Denn auch wenn es in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte in Bezug auf die rechtliche Gleichstellung wie gesellschaftliche Akzeptanz von gleichgeschlechtlich lebenden Menschen und Menschen mit non-konformen Geschlechtsidentitäten gegeben hat, zeigen z.B. die aktuell virulenten Angriffe auf Genderstudies und Queer Theory von rechtspopulistischer und -konservativer Seite, wie schnell Wohlwollen und Toleranz in Ablehnung und Hass umschlagen können. Der Frankfurter Sexualwissenschaftler und Aktivist Martin Dannecker spricht zu Recht von einem ‚jederzeit kündbaren Duldungsverhältnis‘. Umso wichtiger sind Projekte wie dieses, die einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass aus diesem Duldungsverhältnis vielleicht eines Tages tatsächlich eine nicht mehr zur Disposition stehende Anerkennung wird."

Staatssekretär Klose dankte dem SMU* für die produktive Zusammenarbeit: „Dem Schwulen Museum* ist es gelungen, mit dieser als mobile Ausstellung konzipierten Präsentation die Lebenssituation lesbischer Frauen und schwuler Männer in den Jahrzehnten von 1945-1985 in Hessen atmosphärisch dicht einzufangen. Die Schicksale der Opfer lassen niemanden unberührt. Eine besondere Leistung der Ausstellung besteht aber gerade darin, Lesben und Schwule nicht in ihrer Opferrolle festzuschreiben. Deshalb freue ich mich  besonders, dass auch die vielfältigen Zeugnisse der lesbischen und schwulen Emanzipationsbewegungen in Hessen eindrucksvoll dokumentiert werden. Sie schlagen die Brücke zu unserer Zeit und auch zum Hessischen Aktionsplan für Akzeptanz und Vielfalt der Landesregierung, der einen breiten gesellschaftlichen Konsens über die Akzeptanz verschiedener sexueller Orientierungen und geschlechtlicher Identitäten fördert.“

Hintergrundinformationen

Der Hessische Aktionsplan für Akzeptanz und Vielfalt wurde am 29.05.2017 vom Kabinett beschlossen und am 06.06.2017 im Rahmen einer Landespressekonferenz der Öffentlichkeit vorgestellt. Die im Hessischen Aktionsplan für Akzeptanz und Vielfalt enthaltenen Maßnahmen haben zum Ziel, die Akzeptanz von LSBT*IQ in Hessen zu fördern. Er kann hier abgerufen werden: www.gleichgeschlechtliche-lebensweisen.hessen.de/aktionsplan.

Auftragnehmer für das Forschungsprojekt zur Aufarbeitung der Opfer des ehemaligen §175 StGB in Hessen war der Verein Freunde des Schwulen Museum e.V. (Berlin) als Träger des Schwulen Museums* Berlin (www.schwulesmuseum.de/). Aufgrund der Tatsache, dass staatliche Repression nicht nur schwule Männer, sondern auch lesbische Frauen betraf, hat sich das Hessische Ministerium für Soziales und Integration als Auftraggeber bei der Beauftragung des Schwulen Museums* für ein „Drei-Säulen-Modell“ entschieden. Dieses Modell berücksichtigte neben der Dokumentation der strafrechtlichen Verfolgung schwuler Männer aufgrund des ehemaligen § 175 StGB (erste Säule) auch die Darstellung der Geschichte der nicht-strafrechtlichen Unterdrückung schwuler Männer bis hin zu den Emanzipationsbewegungen (zweite Säule) und die Geschichte der Ausgrenzung und Repression lesbischer Frauen und ihrer Emanzipationsbewegung (dritte Säule).

Eine als „Pocketausstellung“ konzipierte Broschüre zur Ausstellung kann auf den Seiten des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration unter

https://soziales.hessen.de/integration/antidiskriminierungsstelle-hessen/herzlich-willkommen-bei-der-hessischen heruntergeladen werden.

Kontakt für Pressevertreter

Pressesprecherin: 
Alice Engel
Hessisches Ministerium für Soziales und Integration
+49 611 3219 3408
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