Arbeitsmarkt

Ein Jahr Pilotprojekte „Aufstiegscoach“ in Nordhessen und Offenbach

Frankfurt am Main. „Mit dem Aufstiegscoach wollten wir neue Wege gehen, um Langzeit-arbeitslose und Ungelernte dauerhaft in Arbeit zu bringen und mit ihnen gemeinsam eine Aufstiegsperspektive zu verantwortungsvolleren Positionen mit besserem Einkommen zu erarbeiten. Die Erfahrungen nach einem Jahr zeigen: Gezieltes Coaching vermittelt nach-haltiger und kann zu Aufstiegen verhelfen. Natürlich lassen die Quoten noch Luft nach oben. Besonders wertvoll sind aber die übertragbaren Erkenntnisse aus den Fallbeispielen“, waren sich die Partner im Projekt Stefan Grüttner, Dr. Frank Martin, Dr. Matthias Schulze-Böing und Volker Fasbender einig. Hessen habe mit dem Pilotprojekt Aufstiegscoach als einziges Bundesland ein erfolgreiches Experiment zur nachhaltigen Vermittlung Langzeitarbeitsloser gefördert und durchgeführt: in den Pilot-Regionen Offenbach sowie Nordhessen (Waldeck-Frankenberg und Schwalm-Eder) gab es auf den insgesamt 60 geförderten Plätzen bis Ende Oktober 41 Vermittlungen, 22 Stabilisierungen in Beschäftigung und 17 Aufstiege.

Der ‚Aufstiegscoach‘ baut Brücken  - so kann der Weg von der Langzeitarbeitslosigkeit bis hin zur Fachkraft möglich sein. Damit gelingt zweierlei: Eine individuelle Beschäftigungs- und Aufstiegsperspektive für die Teilnehmenden. Und eine Signalwirkung an die Unternehmen, dass Langzeitarbeitslose eine Talentreserve darstellen, die zur Deckung des Fachkräftebedarfs beitragen kann. Wir haben erste Erfolge verbuchen können, die natürlich noch keine Breitenwirkung entfalten. Um weiter für dieses wichtige Thema zu sensibilisieren, haben wir die Förderung um ein weiteres Jahr verlängert“, sagte der Hessische Sozialminister Stefan Grüttner.

„Wir Unternehmer schätzen vor allem die gezielte Verankerung im Betrieb“, sagte Heiner Fritzsche, Geschäftsführer der MKK-IT in Hanau. „Nur wenn die Mitarbeiter den geforder­ten Job engagiert anpacken und wirklich beherrschen, können wir sie auf Dauer beschäf­tigen. Wer schrittweise dazulernt, bekommt bei uns die Chance, mehr Verantwortung zu übernehmen. Und bei Bewährung klappt dann auch der Aufstieg. Wir haben das ausprobiert und übernehmen jetzt drei ‚Aufsteiger‘ in unserer rasch wachsenden Firma.“

„Nach knapp einem Monat war ich in einen Minijob bei einer Zahnarztpraxis vermittelt. Zwei erfolgreiche Qualifizierungen und insgesamt ein halbes Jahr später habe ich trotz meines beruflichen Handicaps als alleinerziehende Mutter eine Festanstellung in Teilzeit gefunden und bin wieder in meinem gelernten Beruf angekommen“, berichtete die Aufsteigerin Anahita Panahian. Sie habe eine Ausbildung zur Zahnmedizinischen Fachangestellten absolviert und mehrere Jahre gearbeitet. Nach Schwangerschaft und Elternzeit habe sie ihren Wiedereinstieg in den Beruf in Angriff genommen, jedoch zunächst ohne Erfolg. In Gesprächen mit dem Arbeitgeber habe der Aufstiegscoach die Möglichkeiten zur Ausweitung der zunächst geringfügigen Beschäftigung erkundet und weitere Qualifizierungen in die We­ge geleitet. Nach erfolgreichem Abschluss habe sie zum August 2014 eine sozialversiche­rungspflichtige Beschäftigung in Teilzeit aufnehmen können.

„Patentrezepte gibt es nicht. Individuelles Coaching, der schnelle Einstieg in einen vielleicht noch nicht perfekten Job und weitere auf den Betrieb maßgeschneiderte Qualifizierung sind aber unerlässliche Erfolgsfaktoren. Ein willkommener Nebeneffekt: Integration in den Arbeits­markt fördert in besonderem Maße auch die Integration in die Gesellschaft.", sagte Emre Berk, Aufstiegscoach im Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft. Er erläuterte markante Fallbeispiele. Für die Gruppe der Zuwanderer ohne Berufsausbildung müsse man – an der sprachlichen Kompetenz und bei den bisherigen Tätigkeiten anknüpfen. Entscheidend sei dort der schnelle Einstieg, um sich dann durch Qualifizierung weiter dem Wunschjob anzunähern. So konnte ein ehemaliger Küchenhelfer nach Kompetenz-Profil über den Weg zum Lagerhelfer und den Führerscheinerwerb zum Kurierfahrer entwickelt werden. Oder ein Gastronomiehelfer über den Weg des Hausmeisters durch Schulung auf die Hotelsoftware zum Rezeptionisten. Oder ein Taxifahrer auf Aushilfsbasis über einen Minijob als Kranken­fahrer und Weiterbildung zur Festanstellung. Für die Gruppe der Berufswechsler wegen Krankheit sei die wechselseitige Flexibilität von Arbeitnehmer und Arbeitgeber entschei­dend: Dann gelinge z. B. einer Verwaltungsfachangestellten nach längerer Krankheit über den niedrigeren Einstieg als Büroangestellte ihr neues Berufsziel im Finanzamt. Bei der Gruppe niedrigqualifizierter Aufstocker helfe vor allem betriebsorientierte Weiterbildung: z. B. bei einem Berufskraftfahrer die Ergänzung um weitere Kraftfahrermodule. Orientierungs­lose Studienabbrecher oder gar Absolventen benötigten Zielvereinbarungen: Dann gelinge z. B. einem Diplomgeografen der Einstieg und durch Schulung auf soziale Medien und Erweiterung der Tätigkeit auch der Aufstieg. Oder einem Studienabbrecher Architektur über den Einstieg als Produktionshelfer und im zweiten Job dann die Annäherung als Assistent der Geschäftsführung in einem Architekturbüro. Und wenn es partout im ersten Job nicht gelinge, helfe auch ein gezielter Arbeitgeberwechsel: so z. B. einer polnischen Näherin über den Einstieg als Inventurkraft der Wechsel zur Lagerhelferin in Vollzeit. "

Volker Fasbender, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der hessischen Unternehmer­verbände (VhU), erläuterte: „Die Fallbeispiele zeigen, dass mit hoher Eigenmotivation und der betriebsorientierten Qualifizierung aus Langzeitarbeitslosigkeit oder Minijob heraus viel gelingen kann: der Sprung in Beschäftigung, die Ausweitung der Arbeitszeit und der Aufstieg in bessere Bezahlung. Die hessische Wirtschaft und Gesellschaft brauchen noch viel mehr solcher Einstiegs- und Aufstiegs-Erfolge beim Kampf gegen die Langzeitarbeitslosigkeit und den Dauerbezug von Arbeitslosengeld II. Zwar konnte in Hessen die Zahl von 96.000 Lang­zeitarbeitslosen im Jahr 2007 auf 58.000 Langzeitarbeitslose im Jahr 2012 drastisch redu­ziert werden. Aktuell hat es aber einen leichten Anstieg auf wieder rund 61.000 Langzeit­arbeitslose gegeben. Dies zeigt, dass wir uns mit neuen Ideen und mit neuem Elan diesem Thema widmen müssen.“

Dr. Frank Martin, Leiter der Regionaldirektion Hessen, ergänzte: „Die Herausforderungen an die Jobcenter sind heute andere als in den Anfangsjahren. Mittlerweile haben zwei Drittel der Arbeitslosen in der Grundsicherung keine Berufsausbildung, ein weiteres Drittel ist ohne Schulabschluss. Die Chancen von geringqualifizierten Menschen eine dauerhafte und exi­stenzsichernde Beschäftigung zu finden, ist eher gering. Umso wichtiger sind neue Ideen und Projekte, die die ausgetretenen Pfade verlassen und Neues wagen. Fehlende Bildungs- und Berufsabschlüsse sind allerdings nicht die einzigen Probleme, die berücksichtigt werden müssen. Die meist schwierigen Lebenssituationen der mehrheitlich alleinerziehenden Frauen aber auch gesundheitliche Einschränkungen oder mangelnde Sprachkenntnisse müssen berücksichtigt werden und brauchen individuelle Angebote. Das Projekt Aufstiegscoach ist dafür ein gutes Beispiel. Ich hoffe, dass wir in den nächsten Jahren noch mehr innovative Projekte gemeinsam mit engagierten Arbeitgebern realisieren können.“

Dr. Matthias Schulze-Böing, Geschäftsführer der MainArbeit, dem kommunalen Jobcenter der Stadt Offenbach, betont den nachhaltigen Charakter des Projekts: „Wir müssen für unsere Arbeitsuchenden langfristig positive Perspektiven entwickeln. Unser gemeinsames Projekt hat gezeigt, durch gezieltes Coaching, ergänzende Qualifizierung und aktives Engagement von Betrieben und Arbeitgebern kann die Vermittlung nachhaltig gemacht und es können Aufstiege aus dem Niedrigeinkommensbereich organisiert werden. Das Konzept ist erfolgreich. Wir wollen es weiter ausbauen.“

Hintergrund:

Das bundesweit einmalige Experiment mit 60 Teilnehmern wurde Ende 2014 gestartet. Es wurde von der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände initiiert und wird operativ umgesetzt vom Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft. Im Norden sind das Jobcenter Schwalm-Eder und das Jobcenter Waldeck-Frankenberg mit je 15 Plätzen und zusammen 1,5 Stellen Aufstiegscoach beteiligt. Im Süden ist es die MainArbeit Kommunales Jobcenter Offenbach mit 30 Plätzen und 1,5 Stellen. Gefördert werden die Projekte je zur Hälfte vom Hessischen Sozialministerium sowie dem Europäischen Sozialfonds und von den beteiligten Jobcentern.

Rückfragen bitte an die VhU, Leiter Kommunikation und Presse - Dr. Ulrich Kirsch
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